Tauernschecken Ziege

Spartenbetreuer

Johann Wallner
Peterlhof
Fröstlbergweg 43
5661 Rauris

0664/46 63 659

Verantwortliche Organisation

Salzburger Landesverband für Schafe und Ziegen
Schwarzstraße 19
5024 Salzburg

0662 870571 257
sz@lk-salzburg.at

Rassestandard

Die Tauernschecken sind eine robuste, vitale, langlebige und trittsichere österreichische Gebirgsrasse. Beide Geschlechter sind gehörnt. Die Rasse ist sehr lebhaft gefärbt. Sie ist braun-weiß-schwarz, mitunter auch nur schwarz-weiß gescheckt mit einer durchgehenden Blässe am Kopf. Die Beinfarbe ist schwarz bis gescheckt. Das Haarkleid ist kurz und ohne Behang; bei älteren Böcken kommen mitunter „Hosen“ vor. Die Tiere sind mittelrahmig mit stabilem Fundament. Die Tauernschecken zeichnen sich durch hoch angesetzte, gut ausgebildete Euter mit ansprechender Milchleistungsveranlagung aus.

Gewicht: Ziegen 50 – 70 kg, Böcke 65 – 85 kg Widerrist: Ziegen 70 – 77 cm, Böcke 75 – 90 cm

Zuchtgeschichte und Verbreitung

Ziegen mit Plattenscheckung lassen sich für die österreichischen Zentralalpen bis mindestens ins ausgehende 19. Jahrhundert zurück nachweisen. Der erste bekannte Züchter von Tauernscheckenziegen war Kaspar Mulitzer, geboren 1884 im Pinzgauer Taxenbach, der sie schon als Kind gehalten hatte. Ab 1926 in der Rauriser Rohrmoosalm ansässig, hat er eine ungefähr hundertköpfige Herde im Talschluß des Krumltales weitergezüchtet. Davon waren etwa 40 Milchziegen, der Rest Kitze und galte Jungziegen sowie einige Deckböcke. Diesen Bestand hat Rohrmoser bis zu seinem Tod 1956 durch Sammelfahrten in andere Regionen der Alpen immer wieder ergänzt und aufgefrischt. Einzelne Scheckenziegen finden sich bei etlichen Kleinbauern und Häuslern bis heute.

Die Zeit des Nationalsozialismus 1941-1944 bedeutete dann für alle anderen bis auf die Pinzgauer Ziegenrasse eine aufgezwungene Verdrängungskreuzung durch die braunen Böcke. In diesen drei Jahren schrumpfte der Anteil reiner Scheckenziegen der Rohrmoosherde auf geschätzte 80 Stück – der versteckten Lage des Krumler Talschlusses ist das Überleben des Großteils der ursprünglichen Herde zu verdanken. Ab 1944 gelingt es sehr rasch, die fremdrassigen Tiere auszumerzen, zumal sich ein zweiter Züchter in Rauris, der Gassnerbauer, an der systematischen Zucht der Tauernscheckenziege beteiligt. Dieser ist es auch, der nach 1956, dem Todesjahr des alten Rohrmoser und der darauf folgenden Auflösung dessen Herde, die gezielte Tauernscheckenzucht als einziger weiterführt, bis 1962 ein Züchter mit konsequenter Herdbuchzucht einsteigt: Johann Wallner in Rauris. Ab 1970, nach dem Aufhören von Gassner, trägt er für mehr als ein Jahrzehnt alleine die Verantwortung für die Erhaltung dieser alten Rasse. Bis Ende der 1980er Jahre züchtet er sie auf der Rauriser Gschlößl- sowie der Hochbergalm und heute auf dem Fröstlberg weiter.

1983 konnten neue Züchter für die Mitarbeit gewonnen werden, ab 1992 auch außerhalb von Rauris, ab 1994 außerhalb Salzburgs. Mit der Gründung des Salzburger Zuchtverbandes für Schafe und Ziegen 1995 stieg die Anzahl von Züchtern bis 2004 auf etwa 50 mit circa 250 Zuchttieren. Auch in den angrenzenden Nachbarländern Deutschland und Südtirol konnten sich Zuchtzentren für Tauernschecken etablieren, die regelmäßig aus der heimischen Population gespeist werden. 2008 besteht die Gesamtpopulation an lebenden Zuchttieren aus knapp 700 Stück. Obwohl das letzte, beinahe halbe Jahrhundert Zuchtgeschichte vor 1995 aus populationsgenetischer Sicht als Flaschenhals bezeichnet werden kann, sind keine der bekannten inzuchtabhängigen Beeinträchtigungen nachweisbar (WOKAC 2003).

Leistung/Wirtschaftlichkeit

Die Tauernschecken Ziege ist eine Mehrnutzungsrasse, was sich schon im Körperbau zeigt: ein trockenes Fundament mit harten Klauen gibt ihr Trittsicherheit selbst in steilem und felsigem Gelände, wodurch sie gut für die Landschaftspflege geeignet ist. Ihr hoch angesetztes, straffes Euter vermindert die Verletzungsgefahr an Felskanten oder Gestrüpp und liefert zudem eine beachtliche Milchmenge, die früher für die Herstellung des original Pinzgauer Käses verwendet wurde. Gelegentliche Milchmessungen ergaben Werte von bis zu 879 kg in bis zu 270 Tagen (PRO SPECIE RARA 1995).

Das höchste Lebensalter erreichte eine Ziege mit 14 Jahren, ein Bock mit zehn Jahren (s. nachstehendes Foto).

Erfahrungsberichte

Das Auffallendste an der Tauernschecken Ziege ist zweifellos ihr Scheckungstyp: die Platten- oder Kuhscheckung gilt als eines der typischen Domestikationsmerkmale. Unter den heimischen Weidetieren wurden außerdem bei Rindern (wie die Bezeichnung schon ausdrückt), aber auch bei Pferden eigenständige Rassen mit dieser Scheckung gezüchtet. Bei Schafen treten auch Schecken auf. Nicht nur die Färbung weist die Tauernschecken als eigenständige Rasse aus: in Exterieur, Kurzhaarigkeit und Behornung besitzen diese Ziegen ein einheitliches Erscheinungsbild.

Die Hell-Dunkel-Scheckung ist einerseits für den Halter in freiem Gelände von Vorteil, da die Tiere sowohl im Schnee als auch vor dunklem Hintergrund gut sichtbar sind. Aber auch das Einzeltier dürfte damit, solange es sich im rassegleichen Herdenverband und dieser sich uneingeschränkt bewegen kann, gut geschützt sein: Lenkt ein einziges, anders als die übrige Gruppe gefärbtes Tier die Aufmerksamkeit von Fressfeinden auf sich (vgl. z. B. HEMMER 1983), so wirkt eine Herde Gescheckter verwirrend auf den Betrachter, denn die Körperkonturen des Einzelindividuums lösen sich optisch auf. Dass bei der Zuchtauswahl auf die Scheckenverteilung am Kopf besonders geachtet wird, also die Augen-Ohren-Partie pigmentiert und beide Seiten getrennt durch eine ausgesprochene Blässe sind, dient nicht nur dem Wohlgefallen. Sie hat vor allem physiologische und ökologische Gründe: Die Pigmentierung der empfindlichen Sinnesorgane schützt vor der Einstrahlung von UV-Licht, die in höheren Lagen ebenso gefährlich ist wie in deckungsarmen Steppen- oder Wüstengebieten, weshalb viele Haustiere solcher Regionen wenigstens um die Augen „Sonnenbrillen“ tragen. Die weiße Stirnblässe wiederholt den Scheckungseffekt des übrigen Körpers, garantiert daher auch bei verborgenem Rumpf die Sichtigkeit des Tieres im Gelände.

Eignung und Haltung

Die nebenstehende Abbildung gibt die Beliebtheit von Futterpflanzengruppen bei gealpten Tauernschecken-Ziegen an (WALLNER 2006). Diese ist immer abhängig vom Angebot und damit relativ. Am beliebtesten sind Zwergstrauchheiden und Sträucher, hier vor allem die Grünerle (Alnus alnobetula). Unter den Nadelbäumen wird die Lärche am häufigsten gefressen. Zirbentriebe wurden interessanterweise zwar angekostet, vermutlich wegen ihres starken Harzaustritts aber kaum geschluckt. Sogar der stark giftige Eisenhut (Aconitum) wurde gelegentlich probiert, wobei die Ziegen aber nur die obersten Blüten fraßen.

Literatur

  • HEMMER, H. (1983): Domestikation: Verarmung der Merkwelt. – Friedr. Vieweg & Sohn Verlagsges., Braunschweig.
  • PRO SPECIE RARA (1995): Landwirtschaftliche Genressourcen der Alpen. – Bristol-Schriftenreihe Band 4, Schaan.
  • SAMBRAUS, H.-H. (1994): Gefährdete Nutztierrassen. – Ulmer Verlag Stuttgart.
  • SAMBRAUS, H.-H. (1996): Atlas der Nutztierrassen. – Ulmer Verlag Stuttgart.
  • WALLNER, R. M. (2006): Zur Funktion der Hausziege im Bergweide-Ökokomplex. – Sauteria 14: 223-239.
  • WOKAC, R. M. (2003): Bedeutung der Inzucht bei Tauernschecken-Ziegen. – Arch. Tierz. Dummerstorf 46, 5: 455-469.